Der Nibelungenstoff im Film

Im Zuge neuer Medientheorien und des veränderten Selbstverständnisses vieler geisteswissenschaftlicher Fächer auch als Kulturwissenschaft hat die Betrachtung des Verhältnisses zwischen Film und Text oder bildender Kunst in den letzten Jahren an Relevanz gewonnen.

Die Nibelungenfilme Fritz Langs gehören schon wegen der Bedeutung des Regisseurs für die Filmgeschichte zu den wichtigsten und eindruckvollsten Auseinandersetzungen mit dem Nibelungenstoff. Die suggestive Macht der Langschen Bilder ist, wie die vergleichende Betrachtung mit der Malerei zeigt, zum Teil der Rezeptionsgeschichte des Nibelungenstoffes geschuldet. Der Langsche Film bildet - vergleichbar mit den Wagnerschen Opern im 19. Jahrhundert - einen der wichtigsten Bezugspunkte für die Rezeption des Stoffes im 20. Jahrhundert. Dafür sind nicht nur künstlerisch-ästhetische Kategorien von Bedeutung, sondern in besonderem Maße politische: Wie manch anderes Werk der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verunsichert der Film den heutigen Betrachter durch die Auf- und Vorwegnahme konservativer, teilweise nationalsozialistischer Positionen. Die Betrachtung des Films und seines Umganges mit dem "Nationalmythos" Nibelungenlied vor dem Hintergrund der Spannung zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus, die sich auch im Verhältnis zwischen Thea von Harbou, die für das Drehbuch verantwortlich war, und Fritz Lang ausdrückt, ist in höchstem Maße aufschlussreich für beides: Die kreative Verwendung des Nibelungenstoffes und seinen Missbrauch.

Ein Vergleich anderer Nibelungenverfilmungen mit dem zum Klassiker erklärten Film Fritz Langs führt all zu leicht zu einer Bewertung der entsprechenden Filme als mehr oder weniger trivial. Ist dieses Urteil für einige Trickfilme oder Filme, die inhaltlich ihrem Titel entsprechen ("Das Liebesleben der Nibelungen"!) nicht ganz falsch, so ist etwa die in den 60er Jahren entstandene Verfilmung von Harald Reinl durchaus einer eingehenderen Betrachtung zumindest hinsichtlich des Verhältnisses zum Nibelungenstoff wert. Hinsichtlich der Frage nach der außerkünstlerischen Rezeption des Stoffes sind massenwirksame Verfilmungen, wie beispielsweise die in den achtziger Jahren im Fernsehen ausgestrahlte, den wagner- schen Ring aufgreifende Trickfilmserie, häufig sehr auf- schlussreich. Die Frage nach dem Stellenwert und der Ausprägung des "Nationalmythos" im "nationalen Bewusstsein" erfährt auf dieser Ebene nicht selten eine andere Antwort als auf der Ebene der "Hochkultur".



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